Creativeworld Blog

Urban Sketching und Südtiroler Bergwelt – passt das?

24. Oktober 2019

Auf der Creativeworld 2019 zeigte die Sonderschau „Upgrade your store“, wie es gelingen kann, ein Sortiment rund um die Kunstformen Street Art, Graffiti und Urban Sketching im klassischen Fachgeschäft zu etablieren. Heute erfahren Sie von Evi Plattner, Inhaberin eines Ladens für Künstler- und Bastelbedarf, wie sie wachsenden Zuspruch für eben jene Produkte erreicht hat. Und das nicht in einer coolen Metropole wie Berlin, sondern im historischen Kern des kleinen Weindorfs Sankt Michael in Südtirol.

„Gerade kehrt wieder ein bisschen Ruhe ein, die Wein- und Apfelernte ist in den letzten Zügen. Während der Lese stehen sich hier die Touristen und die Bauern auf den Füßen und die Straßen sind verstopft. Kommen Sie doch mal im Sommer her, dann machen Sie morgens einen Workshop bei uns im Atelier und mittags springen Sie in einen unserer herrlichen Badeseen!“

Evi Plattner ist ein Verkaufstalent, ohne Frage, und sie ist ständig auf der Suche nach neuen Ideen für ihr bereits 23 Jahre bestehendes Geschäft Rapunzel. So kam es, dass sie den Kontakt zu Carlos Lorente suchte, der in Nürnberg die Style Scouts-Akademie aufgebaut hat und Kurse in Urban Art und Graffiti anbietet.

Junge Kunden begeistern

„Wir müssen die jungen Leute erreichen, denn sie sind unsere Kundschaft von morgen. Die Kinder unter zwölf Jahren habe ich hier in Acrylmalkursen und ähnlichem, aber die Teenager interessieren sich nicht mehr so sehr dafür, etwas Künstlerisches zu schaffen oder mit den Händen zu arbeiten. Graffiti ist eines der Themen, wofür sie sich begeistern lassen.“ Aus dieser Erkenntnis heraus bietet das Team von „Rapunzel“ Urban Art-Workshops für Jugendliche an und geht auch gezielt dahin, wo sich potenziell Interessierte aufhalten.

 

Als Angebot für Touristen und Einheimische finden im Juli und August einmal wöchentlich Einkaufsabende statt. Die Geschäfte in Sankt Michael haben bis 23 Uhr geöffnet, in den Straßen gibt es kulinarische Angebote und Live-Musik. Frau Plattner und ihre Mitarbeiterinnen ließen die Besucher auf kleinen Leinwänden sketchen und sprayen, für einen symbolischen Beitrag von 5 Euro. Über diesen Weg erlangt das Geschäft mit eigenem Atelier Bekanntheit und sobald jemand die Verkaufsräume betritt, punktet das geschulte Fachpersonal mit Freundlichkeit und Beratungskompetenz.

 

Das ist Plattner wichtig: „Heute bestellen viele im Internet, weil besonders in Deutschland zahlreiche kleine Läden aufgegeben haben. Die erfahrenen Kunden freuen sich, bei uns auf zwei Etagen alles einmal sehen und ausprobieren zu können. Anfänger erwarten von uns, dass wir Techniken erklären und zu Produkten beraten können – viel mehr als in der Zeit vor dem Online-Handel. Wofür sollen sie sonst in einen Laden gehen?“

Neue Produkte brauchen intensive Bewerbung

Aus ihrer Erfahrung brauchen neue Produkte mehrere Jahre intensiver Bewerbung und Beratungsarbeit, bis sie sich bei den Kunden etabliert haben und regelmäßig nachgefragt werden. Das sei beispielsweise bei den jetzt beliebten Markern auf Acrylbasis so gewesen und zeige sich auch beim Graffiti-Sortiment.

 

Um ihre wöchentlich stattfindenden Workshops zu vermarkten, arbeitet sie eng mit den Touristikvereinen zusammen und investiert in Flyer und Online-Marketing. Die Kurse sind auf der Rapunzel-Homepage, auf Facebook und Instagram sowie in vielen Reise-Portalen unter dem Punkt Aktivitäten gelistet. Durch ihre guten regionalen Kontakte kann es passieren, dass sich morgens ein Hotelier meldet und ein Schlechtwetterprogramm für eine Gruppe von Gästen anfragt. Kurze Zeit später wird im angegliederten Atelier Stoff bedruckt oder Aquarellzeichnen geübt.

„Da sind wir flexibel und stemmen so einen Kurs mit Bordmitteln und unserer hauseigenen Kursleiterin,“ schmunzelt Evi Plattner und ergänzt „bei unseren fest angebotenen Workshops setzen wir auf ein sehr hohes professionelles Niveau, was sich auch in den Preisen widerspiegelt.

 

Wir arbeiten nur mit Künstlern oder Workshopleiterinnen zusammen, die sehr versiert in ihrem Thema sind und Inhalte auch gut vermitteln können. Stefan Gris Seibt ist so jemand oder Wolfgang Hein. Neben dem Honorar muss die Raummiete und das Material eingerechnet werden sowie das Marketing, das den größen Kostenblock einnimmt. Wir bieten zwar im Nachgang die passenden Produkte vergünstigt in unserem Laden an, aber wir finanzieren die Kurse nicht über die Einkäufe. Sie müssen sich rechnen, sonst macht es für uns keinen Sinn.“

Bei „Rapunzel“ ist ein dreistündiger Kurs mit mindestens sechs teilnehmenden Personen nicht unter 120 Euro zu haben. Wie werden die Kurse angenommen? „Sehr gut. Viele Teilnehmer sagen, sie hätten noch so viel dazu gelernt, obwohl sie die Technik schon seit Jahren ausüben. Über den Preis findet sicher auch eine Selektion statt, aber so sind wir für Workshops weit über Südtirol hinaus bekannt geworden. Viele unserer Kunden kommen wegen uns hierher und hängen dann ein paar Tage Urlaub dran.“

 

Das mag man gerne glauben. Sankt Michael gehört zur Gemeinde Eppan und liegt fünf Kilometer südlich von Bozen, umgeben von beeindrucken Felsformationen mit Burgen und Schlössern. Ein traumhafter Ort für eine Auszeit, aber auch zum Arbeiten. Eine Bitte hat Evi Plattner zum Ende des Gesprächs: „Würden Sie schreiben, dass wir ständig Kursleiter suchen? Sie können sich mit ihrem Honorar hier ein paar schöne Tage finanzieren.“ Das könnte klappen, oder?

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